Sophie

Autorin: Sonja Hoegen

16. März 2006: Sophie (wahrscheinlich 2004 geboren) ist meine Pflegehündin. Sie stammt aus Rumänien, wo sie auf der Straße lebte. Die Organisation Tierhilfe Hoffnung (Ute Langenkamp) fing sie ein und brachte sie in ihr Tierheim, das größte der Welt, die Smeura, wo 3000 Hunde leben. Dort wurde sie kastriert, medizinisch versorgt, gechipt und schließlich nach Deutschland ins Tierheim Heilbronn gebracht, wo sie vermittelt werden sollte. Nur: Von den fünf Hunden, mit denen sie kam, war sie die ängstlichste und schwierigste. Kam ein Mensch, verkroch sie sich in die hinterste Ecke der Zwingers. Als die Gassigeher mit ihr spazieren gehen wollten, ließ sie sich nur schwer anleinen und biss zwei mal in Sekunden die Leine durch. IM Tierheim verursachte sie einen Aufruhr, weil sie sich nicht einfangen ließ, und nur durch geschicktes Treiben in einen freien Zwinger lief. Schnell war klar: So einfach wie die anderen Rumänen würde Sophie keine Familie finden. Da ich gerade einen Pflegeplatz frei hatte, nahm ich Sophie mit nach Hause.

 

Das Vorhaben war bsser als die Umsetzung. Ich wollte Sophie an einer (nicht durchbeißbaren) Kettenleine zum Auto führen, doch Sophie geriet sofort in Panik, biss auf die Kette, schrie, versuchte aus dem Halsband zu rutschen. Meistens werden Straßenhunde mit einer Schlinge eingefangen, welche mit einem Stab um den Hals gelegt und zugezogen wird. Es ist eine schmerzhafte und traumatische Erfahrung, die Sophie wohl nur allzu gut in Erinnerung hat.

 

Also transportierte ich Sophie in einer Box heim. Völlig erledigt und verängstigt kroch sie aus der Box und ich ließ sie erst mal allein, damit sie in Ruhe die Umgebung erkunden konnte. Als ich ihr Futter und Wasser hinstellte, rührte sie sich nicht. Sie lag da, den Blick starr geradeaus, wie eine Statue. Doch nach ein paar Stunden, als ich wieder nach ihr schaute, war der Futternapf leer und sie hatte auch ein wenig getrunken. Natürlich kam ich nie mit leeren Händen. Immer hatte ich die tollsten Leckerchen dabei, die ich ihr hinwarf und die sie sofort verschlang. Sie nahm zwar nie ein Stück Wurst aus meiner Hand, doch schon bald freute sie sich, wenn ich ihr Zimmer betrat und sprang sogar ein wenig umher. Ich setzte mich oft in einiger Entfernung hin und las ein Buch – sie brauchte nur wenige Minuten, bis sie sich ebenfalls hinlegte, frontal natürlich, damit sie mich gut im Blick hatte. 

Jeder Tag begann damit, dass ich Kot und Urin aufwischte, und so endete er auch, denn Sophie war natürlich nicht stubenrein. Das hatte aber auch ein gutes: Ich konnte mich immer mehr in Sophies Nähe bewegen, ohne dass sie die Flucht ergriff. 

Dann fing sie eines Tages – eine Woche war seit ihrer Ankunft bei mir vergangen – an, zu fiepen, bevor sie sich löste. Mir wurde klar, es war Zeit, Sophie zum ersten Mal in den Garten zu lassen. Bei dem Gedanken wurde mir schon schlecht. Was, wenn sie irgendwo ein Loch finden würde? Einmal draußen: weg für immer. Sie würde sich niemals einfangen lassen. 

Aber vorher galt es die Treppe zu meistern, denn auch davor hatte sie Angst und da mein Haus am Hang liegt, musste sie die Treppe hoch, um in den Garten zu kommen. Drei Tage brauchten wir dafür. In diesen lagen auf jeder Stufe Leckerchen und auch ihr Fressen bekam sie jeden Tag zwei Stufen höher. Und plötzlich war sie oben – sah mich, und raste gleich wieder runter. Am nächsten Tag kam sie wieder hoch, blieb ein wenig länger oben und am darauf folgenden Tag legte sie sich oben in den Flur und schaute gelassen zu, wie ich die Tür zur Treppe schloss.

Da war sie also und nun gab es keine Ausrede mehr, sie nicht in den Garten zu lassen. Da ich öfters Pflegehunde aufnehme, ist mein Garten ausbruchsicher. Trotzdem kontrollierte ich jede Ecke, schaute hinter jeden Busch. Und dann öffnete ich die Tür und Sophie sauste hinaus. Keine Sekunde ließ ich sie aus den Augen und mein Herz hämmerte. So glücklich war sie draußen! Sie rannte herum und wälzte sich. Hätte ich sie nach wenigen Sekunden hereingerufen, es hätte wohl nicht funktioniert. Doch nachdem sie ausgiebig geschnüffelt hatte (für mich waren es Stunden), rief ich sie mit Wurst herein, und sie kam. Natürlich machte ich die Tür nicht sofort hinter ihr zu, denn sonst hätte sie gelernt, dass Hereinrufen Eingeschlossen sein bedeutet. Ich ließ sie wieder hinaus, rief sie wieder und schloss die Tür erst nach ein paar Mal rein und raus. Trotzdem war mir klar, dass sie dieses Spiel bald durchschauen würde. Sie brauchte nur zwei Tage, dann ging sie nicht mehr durch die Tür, egal wie viel Wurst ich im Haus verteilte. Sie blieb draußen. Die Rechnung ging für sie auf, für mich nicht: Sie fand den Garten einfach viel besser als das Haus mit Wurst. Klar, dass ich in einer Stunde Kunden erwartete und nicht ewig den Garten bewachen konnte. Als Unmengen von Wurst im Wohnzimmer lagen, die Kunden klingelten und Sophie noch immer draußen war, gab ich mir einen Ruck. „Der Garten ist ausbruchsicher“, sagte ich mir fortwährend und versuchte, mich auf die Kunden zu konzentrieren (was nur schlecht gelang). Der Seminarraum hat ein Fenster zum Garten und ich schielte immer wieder raus. Sie war noch da. 

Als die Kunden fort waren, griff ich zum letzten Mittel. Ich startete die "große Fütterung". Mit viel Getöse und Geklapper. Mein Rüde Robbie war mir dabei eine große Hilfe. Er freut sich immer so, wenn es was zu Essen gibt. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, ob sie reinkam. Sie kam nicht. Also noch mehr Geklapper. Da kam sie. Ging voraus in den Flur, wo sie in weiser Voraussicht immer ihr Futter bekam und wartete. Ich gab ihr den Napf und schloss die Tür, was sie nicht sonderlich kümmerte. In dieser Nacht schlief ich tief.

Seitdem läuft das immer so. Sie geht raus, löst sich, rennt ein bisschen und wartet auf Futter. Es klappert, sie kommt rein, es gibt Futter und alle sind erleichtert. Inzwischen kommt sie auch ohne Geklapper mal rein und schaut, was ich so treibe. Überhaupt wird sie jeden Tag ein bisschen mutiger. Sie kann jetzt dicht an mir vorbeigehen, schläft im Schlafzimmer, hüpft freudig herum, wenn ich nach Hause komme und kann auch gut Blickkontakt halten. Laufe ich an ihr vorbei, stupst sie mir manchmal in die Kniekehlen. Jeden Tag öfters und fester. Sie spielt gerne mit Alanna, und hört nicht auf, wenn sie merkt, dass ich sie beobachte. Sie klaut Socken und Joghurtbecher und streckt sie auch ausgiebig in meiner Nähe. Vorbei sind die Zeiten des Erstarrens und Flüchtens. Nachts schläft sie nun richtig tief, schnarcht sogar und das Maul steht ein wenig offen, die Zunge schaut hervor. 

 

     

Ich lasse sie kommen. Das ist das Ziel. Alles andere ist keine Option. Ich will sie nicht bedrohen und verängstigen, indem ich ihr den Kontakt aufzwinge. Sie soll aus eigenem Antrieb kommen. Wir arbeiten daran. Inzwischen kann ich Guttis auf den Boden legen und meine Hand daneben. Sie holt sich die Guttis. Bis sie aus der Hand frisst, dauert es nicht mehr lange. Ab dann werde ich sie anleinen können, die Aluleine liegt schon bereit. Bis zum Tragen eines Brustgeschirr, bis zum Kraulen und starken Vertrauen ist es noch weit. Aber es ist nicht unmöglich. 

Warum Sophie solche Angst vor Menschen hat? Vielleicht hat sie als Straßenhund schlechte Erfahrungen gemacht und das Einfangen mit der Schlinge tat ein übrigens. Ich frage mich oft, warum man solche Hunde, die auf der Straße glücklicher wären, nach Deutschland importiert. Es gibt zahlreiche Hunde in der Smeura, die auf ein schönes Zuhause warten. Warum die Straßenhunde nehmen, die gute Überlebenschancen auf der Straße haben? Wäre es nicht besser, jenen ein neues Zuhause zu geben, die den Menschen brauchen? 

Aber all diese Gedanken sind müßig. Jetzt ist Sophie da und sucht ein Zuhause für immer. Die neuen Hundeeltern sollten geduldig sein und einen Zugang zu einem ausbruchsicheren Garten haben. Da Sophie sich stark an anderen Hunden orientiert, vermitteln wir (Tierheim Heilbronn) Sophie bevorzugt als Zweithund. Sie ist stubenrein, kastriert, geimpft, gechipt und gesund. 

  

   

 

Update 21. März 2006: Heute haben Sophie und ich gemeinsam an einem Socken gezerrt! Sie beginnt, mit mir zu spielen. Sie sprang sogar auf mein Bett, als ich noch darin lag.

 

Update 25. März 2006: Seit vorgestern frisst Sophie aus der Hand! Sie spielt nun auch auf dem Bett mit Alanna, wenn ich drin liege. Gestern hat sie mich sogar kurz am Oberarm abgeschnuppert.

 

Update 23. Juni 2006: Sophie hat im vergangenen Monat eine Woche lang wegen verschiedener Erlebnisse nur Rückschritte gemacht. Daraufhin folgten zwei Wochen des Wiederaufbaus. Seit einer Woche geht es nun wieder voran. Sophie kommt zutraulicher her, sucht meine Nähe. Sie spielt unbefangener mit Alanna und legt sich einfach mal so neben mich aufs Bett. Ich kann sie kurz anfassen. Vor ein paar Tagen noch hoppelte sie dann schnell weg, aber nun rückt sie nur etwas von mir ab. Sie frisst jetzt auch bei manchen Besuchern aus der Hand. 

      

Update 2. Juli 2006: Sophie und ich machen Target-Training. Ich bin das Target, jedes Mal, wenn sie mich berührt, bekommt sie was zu Fressen. So fingen wir vor einigen Wochen an und inzwischen sind wir soweit, dass Sophie ihren Kopf auf meinen Arm legt, manchmal minutenlang. Ich darf sie ab und zu kraulen. Sie genießt es nicht, aber sie gewöhnt sich daran.

Im Mai übten wir Kämmen, auch das lief gut.

Robbie, Alanna und Sophie sind nun ein eingespieltes Team. Oft liegen Robbie und Sophie Hintern an Hintern auf dem großen Hunde-Bett. Sophie hat eine Schwäche für Butterkekse. Wenn ich mit einer Packung raschle, flitzt sie durch Haus, landet mit einem Satz auf dem Bett und strahlt.

 

Update 30. Dezember 2006: Sophie möchte von mir gekrault werden. Sie legt sich neben mir aufs Bett, sie spielt mit mir, und manchmal schläft sie mit dem Kopf auf meiner Schulter ein. Ich darf sie am Bauch streicheln und sie freut sich richtig, wenn Besucher kommen. Wie Pippi Langstrumpf springt sie von Hundebett zu Sofa und bellt frech. Das ist doch ein verdammt guter Jahresabschluss.

 

Update 31. Mai 2007: Sophie gehört zu uns. Das habe ich zum Jahreswechsel entschieden, meine Hunde schon viel früher. Alanna und sie sind echte Freundinnen, und mit Robbie eifert sie um den Platz an meiner Seite.

Problemlos geht sie vom Haus in den Garten und zurück, mehrmals am Tag, oft ohne Futter. Sie ist schmusig geworden.

 

Update 29. Dezember 2007: Seit einiger Zeit wird Sophie ans Brustgeschirr gewöhnt. Und hurra, inzwischen beißt sie es nicht mehr in Sekunden durch. Noch fühlt sie sich damit nicht wohl, trägt es aber mit Fassung. Das Anziehen - früher utopisch - ist nun ganz einfach.

Außerdem ist diese kleine Rumänenbraut ganz schön frech geworden. Zum Spaß haben wir "Gib Laut" trainiert. Nun bellt sie, wenn sie was zu essen will (ziemlich oft). Bei jedem anderen Hund wäre das inakzeptabel, aber bei Sophie freue ich mich, weil sie so selbstbewusst geworden ist.

Ach ja, Fräulein Sophie will nicht mehr raus, wenn es draußen nass ist. Die wilde Hündin aus dem Wald ist offensichtlich zivilisiert geworden.

 

   


Update 12. September 2012: So viel ist geschehen, in Sophies und meinem Kopf und Verhalten. Rückblickend muss ich sagen, dass ich damals - grün wie Gras als Trainer - die Situation unterschätzt habe. Sophie ist anders als alle meine Hunde, die in der Zwischenzeit kamen und gingen. Nun kann man das von jedem Hund sagen, und es wäre wahr. Doch "anders" soll heißen: Sie ist meistens sehr unhündisch. Ihr Verhalten ähnelt eher dem eines Wildtieres. Vergliche man eine Liste mit Wolfsmerkmalen und Hundemerkmalen, würden bei Sophie die meisten Häkchen auf der Wolfsseite stehen. Ich habe viel recherchiert, und in Erfahrung gebracht, dass Sophie vermutlich wild in einem Wald lebte, als junges Tier mit einer Falle gefangen wurde, und dann bis zu ihrer Ausfuhr in einem Zwinger ohne viel Menschenkontakt lebte.


Sie ist interessiert an Menschen und neugierig, aber nicht sonderlich kooperativ. Sie macht ihr eigenes Ding und ist damit völlig zufrieden. Sie kommt, wann sie will, oft erinnert sie an eine Katze. Ihre Ressourcen schont sie perfekt, in jeder Hinsicht.


Ich habe viel von ihr gelernt, wie von jedem meiner Hunde, doch ihre Lektionen sind sehr speziell.


Mittlerweile sind wir umgezogen. Die Wahl auf die neue Immobilie fiel auch wegen ihr, denn hier haben wir einen wahrhaft riesigen Garten, etwa 30 Ar. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt Sophie neben mir in ihrem Körbchen, die Terassentür ist zwar offen, aber sie bevorzugt meine Gesellschaft. Nun ja, vielleicht ist sie auch nur drinnen, weil es draußen vom Regen nass ist. Normalerweise ist sie draußen, in der Sonne, hat eine Kuhle zwischen den Tomaten als Lieblingsplatz erkoren.


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31. Dezember 2018


Requiem für Sophie

2018 war für die Hundeschule ein tolles Jahr.  Aber wenn ich heute zurückblicke, denke ich vor allem an meine wundervolle Sophie, deren Asche neben mir auf dem Nachttisch steht. Monatelang konnte ich kaum über sie sprechen. Heute ist es soweit.

Zwölf Jahre durften wir zusammen sein. Das ist eine lange Zeit. Und doch nicht genug.  Wenn ich diese zwölf Jahre zurück denke, ist das vorherrschende Gefühl Bedauern. Weil ich ihr nie das Leben geben konnte, dass sie sich gewählt hätte.

Das war meine kleine, dicke Sophie: Sie kam Anfang 2006 über das Tierheim Heilbronn zu mir. Pfleger Vladimir sprach mich bei meinem wöchentlichen Besuch an: „Sonja, haben schrecklichen Hund hier. Kannst du mitnehmen.“ Damals, als meine eigenen Hunde noch sehr fit waren, hatte ich fast nahtlos Pflegehunde für das ein oder andere Tierheim. Ich übte mit ihnen daheim für das neue Leben und bereitete sie auf eine erfolgreiche Adoption vor. Lea war gerade frisch vermittelt, der Platz frei, und so nahm ich Sophie mit, die wenige Tage davor aus Rumänien aus dem größten Tierheim der Welt, der Smeura – damals 3000 Hunde, heute über 5000 Hunde – gekommen war.
Sophie war so anders als all die anderen Hunde, die ich jemals betreuen durfte. Das gilt bis heute. Weil sie gar kein richtiger Hund war, aber das fand ich erst viel später raus.

Ich war damals grün wie Gras als Trainer, und Sophie zeigte mir immer wieder auf, was ich noch zu Lernen hatte. Eine Gewohnheit, die sie bis zum Schluss beibehielt.
Sophie mochte es nicht, angefasst zu werden. Sie wollte nicht Spazieren geführt werden. Ich war in all den Jahren keine einzige Runde mit ihr an der Leine spazieren, obwohl ich es wahrlich versucht habe. Der letzte Versuch, noch im Gundelsheimer Haus, endete in einer solchen Panik, als sich die schmale Leine aus mit Plastik umhüllten Metall, haken- und ringfrei, im Rosenbusch im Garten minimal verhing, dass Sophie wochenlang verstört und misstrauisch war, und ich das Vorhaben abhakte. Ab dann ging es aufwärts mit unserer Beziehung.
Bei Sophie war ein „Ja“ ein „Ja“, und ein „Nein“ ein “Nein“. Sie hatte einen sehr starken Willen. Von ihr lernte ich, wie wichtig Tieren die Selbstbestimmung ist. Dass es ein Grundbedürfnis ist, die Wahl zu haben, und selbst Entscheidungen treffen zu dürfen.
Oft sann ich darüber nach, welches Leben sich Sophie wohl rausgesucht hätte. Die Antwort war immer deprimierend, denn dieses konnte ich ihr nicht bieten. Und leider auch niemand sonst, zumindest nicht nachhaltig. Zurück nach Rumänien in die Freiheit? Dafür war sie schon zu lange bei mir, und Rumänien war und ist kein sicheres Land für wild lebende Hunde. In eine spezielle Auffangstation für scheue Tiere? Gab es damals nicht, und wenn doch, dann nicht mit der notwendigen Versorgungslage.
Auch wegen Sophie zogen wir schließlich in die alte Gärtnerei von Bad Wimpfen, und ich erntete manch schiefen Blick, als ich beschloss, einen wahrhaft großzügigen Teil des Grundstücks als privaten Garten zu nutzen, mit Sophie-sicherem Zaun.



Bewegungsmangel und Übergewicht waren nämlich ein ständiger Konflikt zwischen uns. Sophie fand Sport doof. Und sie hatte eine besondere Schwäche für Butterkekse. Die originalen von Leibnitz, nicht die günstigeren vom Lidl. Die schlang sie ebenfalls runter, auch die mit Vollkorn, aber nur bei den „Echten“ gingen die Sabberfäden bis aufs Bettlaken. Weil Sophie ständig mit ihrem Gewicht kämpfte (nun ja, den Kampf führte vielmehr ich mit ihr), gab es Butterkekse ziemlich selten.

Als sie zum ersten Mal im Frühjahr einen Fahrradfahren entlang am Zaum „jagte“, jubelte ich. Sie rannte! Sie tat es genau einmal. Dann entschied sie: zu anstrengend. Viel lieber buddelte sie in den Blumenbeeten die neuen Pflanzen aus.
Sophie liebte den neuen Garten, in welchem ich sie stundenlang lassen konnte, ohne ängstliches Herzklopfen, ob sie doch irgendwie abhauen könnte, ob doch irgendjemand die Pforte öffnen könnte. Sie lag unter dem frisch gepflanzten Kastanienbaum, der gerade so für sie genug Schatten bot, und war ganz zufrieden mit der Welt.


 
Ihr Abwechslung zu bieten, war schwierig. Variierenden Hundekontakt hatte sie durch die Hundeschule, die Pflegehunde und die Gasthunde. Sophie kam mit absolut jedem Hund klar. Ihre Körpersprache und ihr Sozialverhalten waren so gut entwickelt, wie ich es noch nie und nie mehr gesehen habe. Nur beim Thema Futter verschwand die weiße Flagge, die stets über ihrem Kopf gehisst war.
Ihre beste Freundin war viele Jahre Alanna, mit welcher sie auch richtig ausgelassen spielen konnte. Als beide dann im Seniorenalter waren, gerieten sie zweimal wegen Futter aneinander, so schlimm, dass ich es trennen musste. Fortan liefen sie naserümpfend an einander vorbei. Ein bisschen wie im Altersheim.

Menschen empfand Sophie als gefährlich, und wenn ich zurück blicke auf die Tage, an denen ich ihr nur mit Sedierung oder Maulkorb die Krallen schneiden konnte, gleicht es einem Wunder, wie sie sich entwickelte. Sophie, die es in den ersten Jahren schüttelte –ja, schüttelte! - vor Angst, wenn fremde Menschen im Haus waren (ein Handwerker reichte schon), die so stark hechelte, dass ihre Augen rot waren mit geplatzten Blutgefäßen, diese Sophie trippelte schließlich zu fremden Menschen hin, um sich ein Leckerchen abzuholen. Sie war so mutig! „Es ist ein Glückstag, wenn sie zu dir kommt“, sagte ich zu den Kunden, die versuchten, möglichst still zu stehen, damit sie nicht davon huschte.
Oft war sie sogar im Büro, wo Mitarbeiter und Kunden ein und aus gingen. Sie lag auf dem Kissen mit Leopardenmuster, streckte den Bauch höchst unvorteilhaft heraus, und schnarchte.



Tierarztbesuche waren lange undenkbar, aber auch das schafften wir schließlich, natürlich mit Transportbox. Glücklicherweise war Sophie nie krank, wirklich nie. Sie hatte genau nichts. Bis sie schließlich 2016, als sie zehn Jahre bei mir war, doch erkrankte. Schwer erkrankte. Sie nieste Blut und hatte plötzlich zahlreiche Ekzeme. Das bekamen wir mit Mühe in den Griff. Aber von da an ging es bergab. Der Tierarzt nannte es einen „körperlichen Totalschaden“, die Gelenke hinüber, die Blutwerte schlecht.

Mit Medikamenten versuchten wir, die Lebensqualität hoch zu halten. Nun war sie nach der täglichen Fleischwurst-in-Streifen-Suche im Garten erschöpft. Im Sommer 2018 war mir klar, dass es für Sophie keinen Sommer 2019 geben würde. Längst spritzte ich sie selbst mit Aufbaupräparaten, und im September konnte sie dann nicht mehr aufstehen. Die Hinterbeine brachen weg, sie kam einfach nicht mehr hoch. Ihr Blick war so hilflos. Ich half ihr zu Stehen, und als sie schließlich zur Terrasse „ging“, war jeder Schritt eine Qual.
Wenn ich sie beim Aufstehen und Laufen unterstützte, mochte sie das nicht. Sie hatte dann Angst und noch mehr Schmerzen. Sie hasste es, so hilflos zu sein. Im Kopf war sie glasklar.
Als der Tierarzt zum letzten Mal zu uns nach Hause kam, kämpfte sie sich gerade aus dem Garten zurück ins Haus. Dieser Wille! Sie wollte nicht sterben. Aber ihr Körper war am Ende. In meinen Armen schlief sie für immer ein.

Ich wünschte, ich hätte ihr öfters Butterkekse gekauft. Ich wünschte, ich wäre öfters mit ihr im Glashaus gewesen, hätte ihr jeden Tag ein Intelligenzspielzeug gerichtet. Ich wünschte, sie wäre noch hier.

Jetzt, wo ich diese vielen Zeilen geschrieben habe, empfinde ich noch immer Bedauern. Aber auch Dankbarkeit. Dass ich sie haben durfte, so lange, und dass wir gemeinsam diese besondere Reise gegangen sind. Dass sie nie davon gelaufen ist, obgleich sie in den letzten Jahren Gelegenheit gehabt hätte. Dass sie viele Jahre unverwüstlich gesund war, bis ins hohe Alter. Ich war ihre Familie. Und sie meine.

Danke für all die Karten, die lieben Worte, die Umarmungen.

Sonja